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Dienstag, 23. Oktober 2018

"Linke Feministinnen“ und Sexarbeit - ein Statement

"Linke Feministinnen“ und Sexarbeit -

ein Statement

Eine Freundin von mir, Almuth Wessel, arbeitet seit vielen Jahren als Sexarbeiterin und Sexualbegleiterin/-assistentin. Sie ist Gründungsmitglied des Berufsverbandes erotische und sexuelle Dienstleistungen (BesD), Mitglied der Partei Die Linke und in deren Queer-Komission. Sie hat einige Erfahrungen gesammelt in politischen Diskussionen mit „linken Feministinnen“ zum Thema Sexarbeit und hat ein entsprechendes Statement geschrieben und veröffentlicht, dass ich auch hier mit freundlicher Genehmigung durch Almuth wiedergeben will. Es ist zwar aus dem Jahre 2015, also in der Zeit kurz vor dem sogenannten Prostituiertenschutzgesetz (ProstSchG) verfasst, aber nach wie vor aktuell.
Kann gern zur Diskussion gestellt werden.

Warum ich keine Lust mehr habe, mit gewissen „linken“ Feministinnen über Sexarbeit zu diskutieren - eine Polemik von Almuth Wessel


Ich bin es leid! Wann immer – gerade auch unter Parteigenoss*innen – das Thema „Prostitution“ - oder „Sexarbeit“ angeschnitten wird – habe ich es mit den immer gleichen Argumenten zu tun. Nichts wird hinterfragt, nichts wird reflektiert  und die Meinungen stehen wie einbetoniert. Niemand fragt, warum dieses Thema seit 2013 in den Medien in mehr oder weniger emotionalisierter Form behandelt wird – und warum immer nur EIN Aspekt von Wirklichkeit zum Tragen kommt. Niemandem fällt auf, dass es sich hier um einen Stellvertreterkrieg handelt, der auf Kosten von allen Frauen geführt wird. Ein Stellvertreterkrieg, der in perfider Weise von den skandalösen Verhältnissen in der neoliberalen, kapitalistischen Gesellschaft ablenkt. Denn letzten Endes profitieren wir alle von Ausbeutung und Menschenhandel.

Wir wissen, dass sich die emotional und moralisierend geführte Debatte seit Herbst 2013 in der Öffentlichkeit in einer ebenso unangemessenen wie penetranten Form breit macht. Aber warum ist das so?
Die „Überarbeitung“ des Prostitutionsgesetzes von 2002 war bereits Inhalt des Koalitionsvertrages der Groko 2013 –  denn die CDU/CSU war schon immer gegen eine Liberalisierung des Prostitutionsgesetzes gewesen. Entsprechende Initiativen gab es  bereits im Jahr 2007, diese wurden aber damals im Bundestag gekippt. Im Juni 2013 legte dann die Koalition von CDU,CSU und FDP einen neuen, ebenfalls restriktiven Gesetzesentwurf vor, in dem – genau wie in der Initiative der CDU von 2007 –  die unzulässige Gleichsetzung „Prostitution = Menschenhandel“ vollzogen wurde.
In die Öffentlichkeit kam das Thema dann im Herbst 2013 durch das Buch von Alice Schwarzer  und den von ihr angestoßenen „Apell gegen Prostitution“ .
Jeder, der weiß, dass Schwarzer der CDU nahesteht, wird unschwer den Zusammenhang erkennen.
Und jeder weiß, wie unsachlich und emotional die Debatte seitdem geführt wird , wie lebensfremd und ideologiebelastet  die Debatte ist und wie wenig Bereitschaft besteht, Fakten anzuerkennen, die außerhalb des eigenen ideologischen Horizonts liegen.
Und leider bilden linke Feministinnen hierbei keine Ausnahme – offensichtlich  merken sie nicht einmal, wie sehr sie sich zu Handlangerinnen  rechtskonservativer und rechtspopulistischer Kreise machen. Ich kann das an bestimmten Beispielen belegen.

1. „Links“feministinnen tradieren mehr oder weniger unreflektiert rechtspopulistische Parolen wie die von „Deutschland , dem Puff Europas“  (ich verkneife mir bewusst den Ausdruck „hirnloses Nachgeplapper“) .
Ebenso unreflektiert wird die in rechtskonservativen Kreisen übliche unredliche Gleichsetzung „Prostitution = Menschenhandel“ übernommen.

2. (Links)feministinnen haben häufig eine Art, Sexualität zu betrachten, die ihre Wurzeln noch im 19. Jahrhundert hat.
Tenor: eine anständige Frau hat keine sexuellen Bedürfnisse, Sexualität zwischen Frau und Mann ist nur möglich als Gewaltakt und Sex gegen Entgelt eine Form von Vergewaltigung. In logischer Folge kann die Prosituierte oder Sexarbeiterin nur als „Opfer“ betrachtet werden. Aber : wenn ich eine Person ausschließlich als Opfer betrachte, dann entmündige ich sie. Das ist anti-emanzipatorisch.

Ebenso  häufig ist das Argument, dass eine Frau, die freiwillig der Prostitution nachgeht , „psychisch krank“ sein muss. Geradezu musterhaft ist in diesem Zusammenhang die Äußerung einer „Abolitionistin“ die in ihrem Blog folgendes schreibt: „ .... Hobbynutten  ...nutzen das Einzugsgebiet der Prostitution ... um ihre Sexsucht auszuleben“

Unbeschadet der Tatsache, dass die Verfasserin in diesem Zusammenhang den pejorativen Begriff „Nutte“ verwendet, was meines Erachtens schon per se eine Unverschämtheit ist – scheint die Auffassung von Johann Gottlieb Fichte durch, nach der das „normal empfindende“ Weib überhaupt keinen Geschlechtstrieb hat und somit Sexualität allenfalls als passiv Erduldende, wenn nicht gar Erleidende erlebt – andernfalls liegt ein psychischer Defekt vor („Sexsucht“).
Hier wird allen Frauen pauschal  das Recht auf Sexualität abgesprochen – unter dem Deckmäntelchen der Emanzipation! Genossin, Du hast Verspätung!

3. Der („Links“-)feminismus ist anti-emanzipatorisch, autoritär , dogmatisch und paternalistisch.

Gängige Haltung im („links“-) feministischen Lager: „Was Feminismus ist, bestimmen WIR“.
Da gab es zum Beispiel im Frühjahr 2015 den Plan für ein Seminar mit dem Titel „Feminismus in High Heels“, geplant von Mitglieder*innen des Berufsverbandes erotische und sexuelle Dienstleistungen, unter anderem einer Transgenderfrau . Dieses Seminar unterblieb, weil der Bildungsträger, in dessen Räumen es stattfinden sollte, mit einem solchen Shitstorm aus feministisch-abolitionistischen Kreisen eingedeckt wurde, dass er es als unmöglich erachtete, das Seminar stattfinden zu lassen. Offensichtlich gefiel es manchen Leuten nicht, dass jemand anders als sie selbst die Deutungshoheit für den Feminismus-Begriff beanspruchte.

Ebenso bezeichnend die Haltung gegenüber der Resolution von Amnesty International  zum Thema „Prostitution“. Als diese Resolution, die bezeichnenderweise in der DEUTSCHEN Sektion mit dem Mäntelchen der Nächstenliebe zugedeckt wurde, erschien, kommentierte „Die Welt“ ebenso unverschämt wie unreflektiert: „Amnesty  International hilft den Zuhältern“.
Und es hat innerhalb des feministisch-aboltionistischen Lagers etliche gegeben, die so schamlos waren, diese Unverschämtheit unreflektiert zu übernehmen.
Dass es in der Resolution vor allem um die Länder geht,  in denen Prosituierte nach einem Outing nicht „nur“ ihr Ansehen in der „bürgerlichen“ Gesellschaft  oder ihre materielle Existenzgrundlage aufs Spiel setzen, sondern ihr Leben riskieren, weil sie z.B. gesteinigt werden –  das ist dem bornierten und eurozentristischen Weltbild der selbst ernannten Abolitionisten von Rechts UND Links total entgangen.

4. der („Links-“) feminismus ist betriebsblind , argumentationsresistent und lebensfern.

Alles, was nicht der in bürgerlich-reaktionären Kreisen üblichen Putophobie (Hurenfeindlichkeit)  frönt, vielleicht gar – Gottbehüte – der Auffassung ist, dass Sexarbeit eine Dienstleistung ist und keine Sklaverei, wird pauschal als „Handlanger der Sexindustrie“, „Mitglied der Zuhälterlobby“ etc. bezeichnet – egal ob es sich um die Vertreter*innen von Beratungsstellen handelt, die in unmittelbarem Kontakt mit Sexarbeiterinnen stehen, oder um Frauen, die diesen Job freiwillig und selbstbestimmt ausüben.
Dabei ist es den Eiferern offensichtlich total entgangen, dass der Unterschied zwischen dem Betreiber eines Großbordells und einer frei arbeitenden Hure, die sich mit mehreren Kolleginnen eine Wohnung mietet um dort auf genossenschaftlicher Basis zu arbeiten, genau so groß ist wie der Unterschied zwischen einem Lebensmitteldiscounter und dem Tante Emma Laden an der Ecke, zwischen einer Großbäckerei und einem selbständig arbeitenden mittelständischen Bäcker oder zwischen McDonalds und dem bürgerlichen Speiselokal.

In jedem Fall ist der Vertreter des Monopols der geschworene Feind kleiner Strukturen – und es ist genau diese Zuhälterlobby, der das Ministerium Schwesig in guter neoliberaler Manier Zuarbeit leistet. Denn wenn demnächst kleine Wohnungsbordelle unter dem Deckmäntelchen des Baurechts dicht gemacht werden, haben die dort arbeitenden Frauen nur die Möglichkeit, sich an einen Monopolisten auszuliefern – sofern sie nicht in den Untergrund gehen wollen.
Aber die wertneutrale Betrachtung des Gewerbezweigs  „Prostitution“ bzw. „Sexarbeit“ unter volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten ist den Sexarbeitsgegner*innen genau so fremd, wie der Blick über den eigenen Tellerrand, wenn es darum geht, die gesellschaftliche Realität außerhalb der ideologisierten Sichtweise in den Blick zu nehmen:

Faktum ist:
a) Ein Gesetz zur „Regulierung von Prostitution ist überflüssig wie ein Kropf. Alles, was in diesem Bereich einer genauen Prüfung und gegebenenfalls auch Reglementierung unterzogen werden muss, kann schon jetzt mit dem vorhandenen juristischen Instrumentarium erledigt werden.

* Schon jetzt hat die Polizei jederzeit und ohne Ankündigung das Recht, in als Prostitutionsstätten ausgewiesenen Betrieben Razzia zu machen – und macht auch gern und häufig Gebrauch davon.
Wenn in Zukunft - und hier werden Datenschützer hellhörig – schon auf den bloßen Verdacht der Ausübung von Prostitution hin  in jeder Privatwohnung Razzia gemacht werden kann, dann ist das ein Angriff auf bürgerliche Freiheitsrechte – nämlich das Aushebeln der Unverletzbarkeit der Wohnung auf kaltem Wege. Deshalb ist Schwesigs Gesetzesentwurf bei der diesjährigen Verleihung des „Big Brother Award“ vom Verein „Netzcourage“ öffentlich gerügt worden.
Und was sagen dazu die Sexarbeitsgegner*innen von Rechts bis Links? NICHTS!

* Schwarzarbeit kann immer und jederzeit durch entsprechende Razzien seitens des Zollamtes festgestellt werden – so wie Großbaustellen überprüft werden, kann man auch Bordellbetriebe überprüfen. Für alles andere gibt es bereits jetzt die einschlägigen Paragraphen im Strafgesetzbuch:
Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung vgl. §232 StgB Zuhälterei vgl. §181a StgB Sexuelle Nötigung, Vergewaltigung vgl.§177 StgB...

b)  Opfern von Menschenhandel und sexueller Ausbeutung wäre wesentlich besser gedient mit einem verbesserten Opferschutzgesetz, das den Frauen, die bereit sind, in einem Prozess gegen ihre Peiniger auszusagen, ein unbegrenztes Bleiberecht  garantiert – verbunden mit der Möglichkeit des Identitätswechsels und einer WIRKLICH FUNDIERTEN Ausstiegsberatung. 
Wenn man aber in Diskussionen unter („Links“-)feministinnen auf diesen Tatbestand hinweist, kommt allenfalls die Entgegnung, „das betreffe ja das Asylrecht und sei hier nicht Thema...“ (sic!)

c) Auch die Tatsache, dass Sexarbeit ungeheuer vielfältig ist, wird von den Eiferern geflissentlich ignoriert. Sie haben nur die Frauen von Straßenstrich und Laufhaus im Blick, ignorieren aber die Frauen, die vor der Webcam arbeiten, Telefonsex anbieten oder in Pornofilmen mitwirken.
Auch die Bereiche Sexualassistenz, Tantra-Massage und Dominanz werden geflissentlich übersehen. Die frei arbeitende Domina kommt – wenn  überhaupt – nur als „Vertreterin der Zuhälterlobby“ vor. Kunststück – eine Domina wird sich auch dagegen verwahren, als „Opfer“ bezeichnet und entmündigt zu werden, genauso wie eine Sexualassistentin, eine Tantramasseurin oder eine Escort, die im Hochpreissegment arbeitet.
DIESE Frauen, die sich nicht übersehen lassen und teilweise äußerst handfest auf ihre Existenz hinweisen, werden kurzerhand pauschal als  „psychisch krank“ oder  als  „Handlanger der Zuhälterlobby“ abqualifiziert und als „nicht repräsentativ“ marginalisiert (denn sie können ja lesen, schreiben und selber denken...).
Aber DAS gehört schon seit Beginn der Debatte zu den Tricks rechtskonservativer Politik – und wird ebenfalls unreflektiert übernommen.

Alles in allem bietet sich hier ein desaströses Bild, eine unheilige Allianz von Eiferern, die in keiner Weise zu einer sachlichen Lösung des Problems beitragen. Denn: niemand streitet ab, dass es in der Sexarbeit Ausbeutung und Misshandlungen übelster Art gibt und dass Frauen und Mädchen die unter entwürdigenden Umständen arbeiten jede verfügbare Hilfe brauchen, um sich daraus zu befreien. Aber das wird nicht erreicht durch total überflüssige Reglementierungen und die Verbannung der Sexarbeit in den Untergrund. Nur durch gesellschaftliche Akzeptanz und die Anerkennung als freiberuflicher Tätigkeit, durch das Herausholen aus der Grauzone lässt sich dieses Problem lösen.
In dem Augenblick, in dem Sexarbeit kein Tabuthema mehr ist und die Hure nicht mehr gesellschaftlich stigmatisiert wird, die Situation der Huren also generell verbessert wird, lassen sich diese Probleme langfristig lösten. Und NATÜRLICH ist es machbar – bei den Schwulen hats ja schließlich AUCH geklappt!
Also: Sexarbeiter*innen brauchen das offiziell anerkannte Recht auf Organisation in  einem Berufsverband, mit allen Pflichten wie zum Beispiel der Pflicht zu Weiterbildung und dem Einhalten von Qualitätsstandards, einer allgemein geltenden Gebührenordnung und einer Besteuerung, wie sie für andere freiberufliche Tätigkeiten wie z.B. Heilpraktiker und Therapeuten gilt. Unter SOLCHEN Prämissen ist die Registrierung über den Berufsverband durchaus sinnvoll. Aber auch NUR dann!
Im Gegenzug ist die Aufhebung der Sondersteuern zu fordern, die zur Zeit in jeder Kommune nach dem Gutdünken des Kämmerers erhoben werden kann und die Sperrbezirksverordnungen haben zu verschwinden, denn sie bedeuten die Einschränkung der Gewerbefreiheit. Das klappt in Berlin im übrigen schon seit Jahrzehnten. Und last but not least sollte für die Sexarbeit genau wie für alle anderen Wirtschaftszweige das Gewerberecht gelten – und nicht das Polizeirecht. 
Damit wäre schon viel gewonnen, um das Gewerbe langfristig aus der Grauzone herauszuholen – aber DAS ist politisch nicht gewollt, denn

In der Debatte um die Prostitution agiert die Bourgeoisie ihr latent vorhandenes schlechtes Gewissen aus.

Wir alle profitieren mehr oder weniger von Ausbeutung und Menschenhandel - schon bei der Nutzung eines PCs oder eines Smartphones (oder wollen wir immer und in jeder Situation daran erinnert werden, unter welchen Umständen die Rohstoffe gefördert  und wie und unter welchen Produktionsbedingungen die Mikrochips hergestellt werden?)

Etliche der finanziell gut situierten Mittelstandsdamen, die öffentlich Krokodilstränen vergießen über die „armen Sexsklavinnen aus Südosteuropa“ , die die Social Communities mit sehr merkwürdigen Vorstellungen über die Arbeit einer Hure zuspammen – wobei ich mich immer frage, woher die Verfasserinnen ihre profunden Detailkenntnisse haben – beschäftigen eine Putzhilfe, die sich „illegal“ in Deutschland aufhält und setzen sich nach vollbrachter Tat am PC in ihren SUV, fahren Shopping zu KIK, um sich dort mit dem neuesten Chic made in Bangladesh einzudecken – und beim Wochenendeinkauf kann es an der Fleischtheke im Supermarkt AUCH nicht billig genug sein.
Aber freilich: um HIER konkret gegen Missstände vorzugehen, muss man verdammt dicke Bretter bohren. Einfach nur in wohlfeiler sittlicher Entrüstung machen, reicht DA nicht aus. Hier bietet sich die Diskussion über Sexarbeit als Stellvertreterkrieg an.

Fazit: Eine Diskussion über Sexarbeit muss  geführt werden ohne ideologische Vernebelung und in dem Bewusstsein, dass sie ein Stellvertreterkrieg ist, mit dem  von den wirklichen Skandalen in unserer Gesellschaft abgelenkt wird. Und die heißen immer noch: Neoliberalismus, Austeritätspolitik und Hartz IV.

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